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Das Bergfest


 

Bergfest, dieser Name, dieser Begriff steht für eine Festlichkeit, die jahrelang einen festen Platz im kulturellen Terminkalender unseres Heimatdorfes Reichenbach, ja sogar im Lautertal hatte, weckt sicher in manchem Leser die Erinnerungen an vergangene Zeiten, an fröhliche Stunden der Geselligkeit, an Erlebnisse aus der eigenen und auch anderer Leute Jugend, und ein verträumtes Lächeln überzieht sein Gesicht.

Bergfest, dieses Fest hat seinen Reiz für die ältere Generation ebenso wie für die Jugend, was der Zuspruch aus allen Bevölkerungsschichten immer wieder, Jahr für Jahr, bei gutem Wetter, zum Ausdruck brachte.

Das Bergfest, gefeiert auf dem Hohenstein in Gottes freier Natur unter dem sich über alles wölbendem Himmelsdom, als Kulisse den bizarren Hohensteiner Felsen und umgeben vom heimatlichen Hochwald, verkörperte wie kein anderes Fest das Bestreben der Menschen nach Freiheit in freier Natur, nach Fröhlichkeit fern des grauen Alltags, und seine Geschichte ist es wert, erzählt zu werden.

Seinen Ursprung hatte das Bergfest in einer Idee, der Idee nämlich, ein Fest zu veranstalten, das den üblichen Rahmen einer Tanzveranstaltung sprengt und eine nicht alltägliche Rarität darzustellen vermag. Die Verantwortlichen des Odenwälder Motorsport-Clubs Reichenbach überlegten lange hin und her, wie man eine solche Idee am wirksamsten und kostengünstigsten verwirklichen könnte, war doch ihr Club damals noch recht jung und weithin unbekannt und zudem fehlte für den Fall eines Mißerfolges das entsprechende finanzielle Rückenpolster. Man kam schließlich überein, ein "Festwochenende" im damaligen Clublokal "Cafe Odenwald" bei Ernst Hotz mit Geselligkeit, Tanz und Unterhaltung durch die örtlichen Gesangvereine abzuhalten. Wie aber konnte man diesem Fest den Stempel einer Besonderheit aufdrücken?

Der Gedanke kam auf, den beim Clublokal gelegenen "Hoppenrain" als Kulisse in das Programm mit einzubeziehen und durch ein Feuerwerk eine "Bergbeleuchtung" zu erzielen. Fleißige Hände und sehr viel Idealismus waren notwendig, um die vielen Vorbereitungen zu treffen und termingerecht abzuschließen. Das Lob und den Dank für diese mühevolle Arbeit erhielten die Verantwortlichen schon am ersten Festtag, einem Samstagabend im Juli des Jahres 1950, denn die Bevölkerung Reichenbachs strömte bei herrlichem Wetter in Scharen zum Festplatz im Höllacker. Unterstützt von den Gesangverein und durch das fröhliche Spiel der Musikanten schlug das Stimmungsbarometer höher und höher, um schließlich durch das Feuerwerk seinen Höhepunkt zu erreichen. Als die ersten Böller krachten, die Raketen zischend gen Himmel stoben und das nächtliche Firmament in ein buntes Phantasiebild mit wechselnden Szenen verwandelte, und als zum Schluß ein mit einem, man höre und staune, Schweißbrenner erzielter Feuerregen den Berg beleuchtete, waren sich alle darüber einig, daß der OMC mit diesem Fest ein gelungenes Debüt gefeiert hat. Viele der Besucher und mit ihnen Verwandte und Bekannte kamen am Sonntagnachmittag wieder, um die Gastfreundlichkeit des Clubs zu genießen. Um auch den Kindern der Besucher eine Attraktion zu bieten, wurde kurzentschlossen eine Kinderbelustigung, mit Sackhüpfen, Eierlaufen und vielen anderen, für die Kleinen lustigen Sachen, veranstaltet. Erst in den späten Nachtstunden fanden die letzten Festgäste den Weg zurück ins Dorf und gar mancher hat sich schon in Gedanken beim nächsten " OMC-Fest" gesehen.

Nachdem dieses erste Erscheinen des OMC in der Öffentlichkeit so großen Anklang gefunden hatte und zudem auch in allen Belangen ein voller Erfolg war, suchte der Club nach einer Möglichkeit, das Fest im nächsten Jahr unter räumlich größeren Verhältnissen zu veranstalten. Verhandlungen mit dem Fürst zu Erbach-Schönberg führten schließlich zu dem Ergebnis, daß das Festgelände auf dem Hohenstein vor dem Naturfelsen zur Verfügung stand, wo schon Generationen vor uns, von unseren Vorfahren, fröhlich Feste veranstaltet und gefeiert wurden.

Wieder mußten fleißige Hände sich regen, um das Gelände herzurichten und für den Notfall mit einem Zeltdach zu versehen; ebenso mußten eine Freiluftbühne errichtet, das Kabel für die Beleuchtung verlegt und die Fahr- und Fußwege verbessert werden. Um das leibliche Wohl der erwartenden Gäste zufrieden stellen, wurden die Metzgerei und der Wirtschaftsbetrieb vergeben, da bei eigener Regie die diese Posten zu betreuenden Mitglieder nicht ausgereicht hätten.

Am Tag des Festbeginns, dem ersten Samstag im Juli 1951, hatte Petrus wieder Einsehen und schenkte strahlendes Wetter, so daß sich am Abend ein Fackelzug durch das Dorf auf den Weg zum Hohenstein begab, um den Gästen den Weg zu weisen. Als der Zug die letzten Häuser erreicht hatte, wurde am Waldrand des Hohenstein ein Feuerwerk abgebrannt, was wiederum viele unschlüssige Bewohner Reichenbachs dazu bewog, den Berg hinaufzuziehen. Was viele Clubmitglieder nicht zu träumen gewagt hatten, trat ein. Der Festplatz war überfüllt von fröhlichen Menschen, von denen die meistem erst im Morgengrauen, nicht nur der besseren Sicht wegen, den doch etwas beschwerlich gewordenen Heimweg antraten.

Der Sonntagnachmittag sah wieder die Kinder bei der Kinderbelustigung und am Abend wurde nochmals kräftig das Tanzbein geschwungen, denn die Gelegenheit des Tanzen unter freiem Himmel bot sich den Gästen nicht alle Tage.

Dieses nun endgültige benannte "Bergfest" wurde an beiden Tagen von einem volkstümlichen Charakter geprägt und der OMC war bestrebt, dies auch für die Zukunft so zu halten. Daß dieses Bergfest ausschließlich von friedliebenden Gästen besucht wurde, beweist ein Auszug aus dem damaligen Festprotokoll: "Zu irgendwelchen schlägerischen Zwischenfällen kam es nicht, so daß auch in dieser Beziehung die Feststimmung keinen Schaden trug!"

Leider war die finanzielle Seite für den Veranstalter nicht zufrieden stellend, denn bedingt durch die örtlichen Verhältnisse am Hohenstein war es vielen Besuchern gelungen, ohne Entrichtung des Eintrittgeldes den Festplatz zu betreten und dort die Annehmlichkeiten der Unterhaltung und des Tanzes zu genießen.

In den Folgejahren erfreute sich das Bergfest des OMC am Hohenstein weiterhin großer Beliebtheit, gelang es dem Club doch immer wieder, die örtlichen Gesangvereine, die Tanzgruppe der Volksschule, die Turnriege sowie den Spielmannszug des TSV, den Spielmannszug der Freiwilligen Feuerwehr und eine Kunstradfahrergruppe aus Michelstadt sowie immer wieder namhafte Tanzkapellen zu Unterhaltung der Gäste zu verpflichten. Oftmals standen die Verantwortlichen jedoch vor der Frage, wer wohl die viele Arbeit vor, während und nach den Festtagen verrichten würde; aber immer wieder brachten der heute noch dankbar anzuerkennende Idealismus und die Opferbereitschaft jedes einzelnen Mitgliedes das Kunststück fertig, das Fest zum Ruhme des OMC und zum Wohle der Gäste vorzubereiten und abzuhalten, obwohl das Wetter nicht immer sein Wohlwollen für dieses Volksfest zeigte.

Wie eng schon damals, nach so kurzer Zeit, der Name "Bergfest" mit dem Festplatz am Hohenstein verbunden war, zeigt folgende Begebenheit.

Als im Jahre 1954 der Termin für den Festbeginn gekommen war, beschloß der Vorstand des OMC, wegen der schlechten Witterungslage das Fest in der Turnhalle des TSV Reichenbach abzuhalten. Nachdem das gesamte Inventar dorthin gebracht worden war, und durch diesen Umzug die bis dahin noch ahnungslosen Mitglieder ebenso wie die Reichenbacher Bevölkerung auf diesen Wandel aufmerksam wurden, bekundete man dem Veranstalter demonstrativ, daß ein echtes Bergfest nur auf dem Hohenstein gefeiert werden könnte und der Club beugte sich schließlich diesem Wunsch. Im Protokoll steht geschrieben: "Mit vereinter Kraft wurde das gesamte Mobiliar wieder den Berg hinaufgeschafft, damit es auch 1954 ein traditionsgemäßes Bergfest gab. Petrus hatte auch ein Einsehen mit uns und ließ es nicht mehr regnen, so daß das Programm wie vorgesehen ausgeführt werden konnte und das Fest zu einem vollen Erfolg wurde!"

So wurde das Bergfest Jahr für Jahr, es trat zwischenzeitlich durch seinen kulturellen Charakter ebenbürtig an die Seite der Kirchweih, am ersten Sonntag des Juli und wechselweise bei gutem oder schlechtem Wetter mit gutem Erfolg und zunehmenden Besucherzahlen auf dem Hohenstein abgehalten. Das traditionelle Feuerwerk wurde auf die Tageswende zwischen Samstag und Sonntag verlegt und zusätzlicher Anziehungspunkt wurde die bengalische Beleuchtung des Felsens mit abschließendem, einem Wasserfall gleichenden kaskadenhaften Funkenregen, in das Programm mit aufgenommen. Der Festplatz und der angrenzende Wald mit seinen stillen romantischen Plätzchen lockte Jahr für Jahr alt und besonders jung an und für so manche Eheschließung oder Kindtaufe wurde auf dem Bergfest der Grundstein gelegt.

Insgesamt dreizehnmal wurde der nach der Sage unter dem Felsen des Hohenstein schlafende Riese in seiner Ruhe und Einsamkeit gestört und war vielleicht er es, der durch sein Einwirken erreichte, daß dieses traditionelle Heimatfest des Vorderen Odenwaldes nicht mehr auf dem Hohenstein abgehalten werden durfte? Das Hofgut und auch der Hofherr sah sich außerstande, wegen der zeitweiligen Beeinträchtigung und Belästigung seiner Land- und Forstwirtschaft die Genehmigung zur Veranstaltung des Bergfestes aufrecht zu erhalten.

So sah sich der veranstaltende Club gezwungen, als Festplatz das Gelände des TSV mit der Turnhalle herzurichten, denn man wollte die Tradition aufrechterhalten und das vergnügliche Fest nicht einfach fallenlassen. Durch das Herabsteigen vom Berg war auch der Name "Bergfest" nicht mehr sinngemäß, weshalb man kurzerhand ein "Sommerfest" daraus machte.

Aber auch diese Platz- und Namensänderung konnte den Heimatverbundenen Charakter des Festes keinen Abbruch tun, denn trotz der Romantik des alten Bergfestes war man hier wetterunabhängig, und so mancher älterer Dorfbewohner, der vorher nicht mehr auf den Hohenstein laufen konnte, hatte jetzt wieder Gelegenheit, an den Festlichkeiten teilzunehmen.

So als hätte sich nichts geändert, strömten die Besucher herbei, es wurde getanzt, geschunkelt und gelacht, auch das Feuerwerk wurde um Mitternacht auf dem Platz vor der Turnhalle abgebrannt und wie üblich fanden die trinkfesten Gäste erst am frühen Morgen den Heimweg.

Der Nachmittag des Sonntag sah die Besucher in Erwartung eines "Bunten Nachmittags", an dem als besondere Attraktion die durch Funk und Fernsehen bekannten Geschwister Jacob teilnahmen. Dieses Quartett sorgte für eine Bombenstimmung und löste beim Publikum wahre Begeisterungsstürme aus. Nicht zuletzt durch diesen Festakt und den am Abend folgenden Tanz konnten die Mannen des OMC auf einen vollen Erfolg des Sommerfestes 1964 herabblicken.

Um die hohen Kosten der Turnhallenmiete zu sparen, wurde 1965 mit Einverständnis des Clubkameraden Jakob Röder dessen Ausstellungshalle am Fuß des Felsenmeeres in eine Festhalle umgewandelt und so konnte auch in diesem Jahr das Sommerfest im üblichen Rahmen, allerdings ohne Teilnahme der Geschwister Jacob stattfinden.

Veranstaltete man während des Festes im Jahre 1965 noch einen Bunten Nachmittag, so mußte derselbe beim Sommerfest 1965 wieder in der Gerätehalle der Firma Jakob Röder abgehalten, einen Teenagerball weichen, denn es galt, auch den jungen Leuten zu einem ihrem Alter entsprechende Tanzvergnügen zu verhelfen. Dieser "Ball" zeigte reges Interesse und der Andrang der Jugendlichen war so groß, das die Halle fast aus ihren Nähten platzte ebenso wie am Abend, als der Auftritt der " Jacob-Sisters" die Gäste in Massen anlockte, denn keiner, der sie schon einmal gehört oder gesehen hatte, wollte sich die Gelegenheit des Wiedersehens oder Kennenlernens dieser vier hübschen jungen Damen entgehen lassen.

Der Ansager Charly Hey begeisterte ebenso wie die gesanglichen Vorträge des Doppelquartett Reichenbach und somit konnte auch dieses Fest an die Erfolge vergangener Jahre anknüpfen.

Die Sommerfeste 1967 und 1968 wurden im gleichen Rahmen aufgezogen wie die Veranstaltungen zuvor, wobei allerdings auf die Mitwirkung der Jacob-Sisters verzichtet werden mußte, denn die auf Grund ihrer Popularität geforderte Gage war für den OMC beim besten willen nicht mehr erschwinglich.

Konnte im Jahre 1967 noch ein finanzieller Erfolg verbucht werden, so blieb am Ende der Veranstaltung 1968 ein Loch in der Kasse, weiches das Festkomitee des OMC bewog, im kommenden Jahr kein Sommerfest abzuhalten. Mit ausschlaggebend für diese schweren Herzens erteilte Absage an das einst so berühmte und beliebte Heimatfest war der Umstand, daß es immer schwerer wurde, einen geeigneten Festplatz zu finden und die Tatsache, daß wohl die Verlagerung des Festplatzes vom romantischen Hohenstein in die nüchterne Umgebung der Dorfgemeinschaft ebenso wie die zunehmenden Festlichkeiten anderer Vereine inner- und außerhalb Reichenbachs das Interesse und den Zuspruch für das Sommerfest des OMC auf ein Minimum sinken ließen.

Für den Veranstalter und die einstmals treuen Festgäste jedoch bleibt die Erinnerung wach an die herrlichen vergangenen Zeiten, Erinnerungen voller Wehmut, denn sie machen wieder einmal deutlich, daß alles im Leben des Menschen vergänglich ist, liebgewordene alte Sitten und Gebräuche ebenso wie es gegenwärtige Realitäten in absehbarer Zeit auch sein werden.

Ph. Degenhardt

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